Mehrfamilienhaus Cham

Karamuk Kuo Architekten

Mehrfamilienhaus Cham

Archaische Präsenz

Karamuk Kuo

Als wäre er schon immer da gewesen, steht der Neubau in seiner historischen Umgebung, die einer Collage unterschiedlicher Architekturstile gleicht. Im Inneren gruppieren sich zwei Wohnungstypen um einen Treppenkern. Sechs Wohnungen, ein gemeinsamer Partyraum und eine Galerie im Erdgeschoss nutzen einen prominenten, aber lange Zeit ungenutzten Platz am Eingang zur Schweizer Stadt Cham. Das Grundstück ist ein winziges Dreieck, das aber ein großes Potenzial hat, wenn es gelingt, die Schwierigkeiten der Geometrie und der Größe zu überwinden: An der Gabelung zweier Hauptstraßen – die eine führt in die Altstadt, die andere entlang der Bahngleise zum Bahnhof – hätten Wohnungen bereits ab dem zweiten Stockwerk einen weiten Blick auf den Zugersee und die Alpen. Die verbleibende Grundfläche beträgt nach den Rückbauvorschriften jedoch weniger als 200 Quadratmeter, wobei die Spitze des Dreiecks weniger als vier Meter breit ist.

Die Architekten haben den ungewöhnlichen Grundriss ausgenutzt und zwei Wohnungstypen mit jeweils einem charakteristischen Raum konzipiert. An der schmalen Spitze ist eine Wohnung für extrovertierte Menschen entstanden, die von einem Panoramazimmer umgeben ist. Am breiten Ende des Gebäudes mit einem tiefen Grundriss findet sich eine Wohnung für Introvertierte, die um eine zentrale Halle herum organisiert ist. Zwei sehr unterschiedliche Typologien, die sich um einen gemeinsamen Treppenkern gruppieren. Auf der Penthouse-Ebene befindet sich die eigene Wohnung der Bauherren mit einer Dachterrasse, die sich über die gesamte Länge erstreckt. Die Räume sind als Enfilade organisiert, die durch den Treppenkern unterbrochen wird, der an dieser Stelle privatisiert ist. Die Gemeinschaftsräume enden an der Spitze und öffnen sich zu einem Außenraum. Das „Gartenzimmer“ ermöglichte es den Architekten, die Lesart einer singulären Form an der Spitze beizubehalten, ohne die zulässige Penthouse- Fläche zu überschreiten: ein zusätzlicher Raum, der zwischen Innen und Außen vermittelt.

Obwohl der Kontext und die umliegenden Gebäude sehr eklektisch sind, wurde die Parzelle als Teil des historischen Zentrums ausgewiesen und unterliegt daher der Bewertung durch die Gebäude- und Denkmalschutzkommission. Das Projekt bezieht sich nicht auf einen bestimmten historischen Stil oder Zeitraum, sondern auf eine primitivere, archaische Zeit und wertet den Kontext durch seine Abstraktion auf. Es ist neu und modern und wirkt doch so, als ob es schon vor allem anderen da gewesen wäre; es ist anders und fügt sich doch ein und verleiht dem ansonsten unscheinbaren Kontext eine stattliche Präsenz.

Die Verwendung von wassergezogenen Ringofenziegeln war eine wichtige und frühe Entscheidung für das zeitlose Image des Gebäudes. Die Einzigartigkeit jedes Backsteins und die strukturierte Patina, die sich auf der gesamten Fassade bildet, verleihen dem Gebäude vom ersten Tag an einen starken mineralischen Charakter, während die Metallfenster einen scharfen Akzent setzen. Die Farbe naturalisiert den Backstein, als ob das Gebäude ein Felsen wäre, der aus dem Gelände gewachsen ist. Konstruktiv ist die Fassade eine hinterlüftete Backsteinfassade mit Strukturbetonwänden. An den Loggien säumen Klinkerviertelbacksteine die Betonbrüstungen. Die geometrische Komplexität der Form erforderte ein hohes Maß an Präzision bei der Planung und Ausführung der Backsteinfassade, um die notwendigen Dehnungsfugen zu ermöglichen und gleichzeitig das Bild der Kontinuität zu wahren. Die Komplexität der Form und die Materialität des Backsteins ergeben zusammen das zeitlose Bild des Monolithen.

Karamuk Kuo Architekten

Ort
Cham, Schweiz
Architektenprofil
Grundstückfläche
876 m²
Bebaute Fläche
239 m²
Nutzungsfläche
817 m²
Bauzeit
2018–2019